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Tübingen Deine Nobelpreisträger
Im Porträt: Hermann Hesse
Nobelpreis für Literatur 1946

Es war eine bahnbrechende Zeit im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als Hermann Hesse 1877 in Calw geboren wurde. Die Menschheit war auf dem Weg in die Moderne. Viele Erfindungen, die für uns heute so selbstverständlich sind, stammen aus diesen Jahren wie Telefon, Glühbirne und Röntgenstrahlen. Robert Koch entdeckt den Bazillus der Tuberkulose und legt den Grundstein der Bakteriologie. Die Freiheitsstatue wird in New York enthüllt, 1886 beginnt das automobile Zeitalter mit der Präsentation des ersten benzingetriebenen Kraftwagens. Die Namen Benz, Daimler, Maybach, Otto und Diesel sind auch im 21. Jahrhundert noch bekannt. Tschaikowskys „Schwanensee“, in Moskau 1877 uraufgeführt und das Tennisturnier in Wimbledon (1877 zum 1. Mal) sind noch heute Dauerbrenner.

In dieser sich rasant entwickelnden Zeit wird also Hermann Hesse geboren und wächst in einem sehr strengen Elternhaus auf. Gerade einmal 15 Jahre jung, rebelliert er gegen Schule und Eltern, er verbaut sich so zu sagen seine Chancen auf eine von den Eltern vorbestimmten Karriere als Theologe. 1892 flüchtet er aus dem evangelisch-theologischen Seminar, wird häufig depressiv, überlebt einen Selbstmordversuch, verlässt mit 16 Jahren das Gymnasium, um eine Buchhändlerlehre zu beginnen, die er nicht beendet. Eine zweite Ausbildung in einer Turmuhren-Fabrik in Calw bricht er ebenso ab. 1895 startet Hesse zum zweiten. Mal die Buchhändlerlehre in Tübingen bei der Buchhandlung J. J. Heckenhauer am Holzmarkt, die er 1898 erfolgreich abschließt.

Bereits in dieser Zeit schreibt er seine ersten Gedichte und als 1904 sein Roman „Peter Camenzind“ erscheint, war seine Existenz als Schriftsteller gesichert. Hesse verarbeitet viel Autobiographisches in seinen Werken. In Hesses Jugendzeit finden die 1. Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 statt, der Eiffelturm wird 1899 in Paris eingeweiht, der erste Zeppelin geht in die Luft, 1901 werden die ersten Nobelpreise vergeben, die Tour de France startet zum 1. Mal (1903).

Die politischen Schlagzeilen lauten: Grausamer Burenkrieg tobt am Kap, Kuba unter US-Kontrolle, Dreyfus-Affäre spaltet Frankreich, Massaker am Wounded Knee, Ägypten in britischer Hand, Anschlag auf den Zaren Alexander II. , Krieg um Salpeter.

1899 verlässt Hesse Tübingen und geht nach Basel. Hesse bereist Italien und Indien, liest sehr viel, vor allem Goethe, Schiller und Lessing, aber auch von Eichendorff, Novalis und Brentano. Neben dem Studium der Literatur liebt er die Wanderungen durch die Schweizer Landschaften. Sein erstes Haus mit Garten erwirbt Hesse 1905 in Gaienhofen am Bodensee. Dort wohnt er mit seiner ersten Frau Maria und seinen drei Söhnen bis zur Scheidung im Jahre 1919. Im 1. Weltkrieg mahnt er die Sinnlosigkeit des Kampfes an und gerät dadurch intellektuell ins Abseits. Er lebt zurückgezogen im Tessin und wird 1923 Schweizer Staatsbürger. Neben der Schriftstellerei beginnt er mit der Malerei. Im gleichen Jahr heiratet Hesse zum zweiten Mal. Diese Ehe hält allerdings nur 3 Jahre In dieser Zeit verfasste er zwei seiner bedeutendsten und erfolgreichsten Werke: „Der Steppenwolf“ (1927) und „Narziss und Goldmund“ (1930). Hesse heiratet 1931 zum 3. Mal und diese Ehe hält bis zu seinem Tode. 1943 erscheint sein Alterswerk „Das „Glasperlenspiel“ in der Schweiz, weil in Deutschland während des 2. Weltkrieges seine Werke unerwünscht sind.

Hermann Hesse ist ein interessanter Zeitgenosse. Auf der einen Seite sehr rebellisch, auflehnend gegen die Strenge der Eltern und des Seminars in Maulbronn, bricht aus dem vorgezeichneten Weg aus, später, sich über alle Konventionen hinwegsetzend, lässt er sich zweimal scheiden. Auf der anderen Seite der Romantiker, ein Maler sowohl mit Worten als auch mit Farben und Pinsel, immer auf der Suche nach dem tiefen Sinn des Lebens. Sein Lebenswerk wird 1946 mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur gekrönt. 1955 erhält Hermann Hesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Er hinterlässt bei seinem Tode 1962 ein großes Erbe an Schriften, Gedichten, Briefwechseln und Bildern. Dies verwaltet sein zweiter Sohn Heiner bis 2003 und nun dessen Sohn Silver Hesse.

Am bundesweiten Tag des offenen Denkmals am 14. September haben Hesse-Anhänger die Gelegenheit, das Hermann-Hesse-Haus und -Garten in Gaienhofen ganztägig zu besichtigen. 90 lange Jahre war das Haus für die Öffentlichkeit mehr oder weniger verschlossen. Seit November 2004 ist die denkmalgerechte Sanierung des Hauses beendet: Vieles war erhalten, vieles konnte rekonstruiert werden. Dem Vorstand des Förderverein Hermann-Hesse-Haus und -Garten e.V., Gaienhofen, gehört u. a. Frau Bettina von Gilsa, Dipl.-Restauratorin aus Tübingen an und so schließt sich der Kreis zu Hermann Hesse und zu Tübingen.