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Poetry Slam Finale im LTT am 09.07.2008

„Raus mit der Sprache!“
„Raus mit der Sprache!“ Die Schule dichtet, reimt und rappt und so!

 

An diesem Schulprojekt haben sich zum 2. Poetry Slam 2007 / 2008 Schülerinnen und Schüler aus sechs Schulen von Tübingen, Mössingen, Reutlingen und Waldenbuch beteiligt. Das Projektteam Helge Thun, Jakob Nacken, Kai Schmelzle, Harald Kienzler und Carolin Schattenkirchner an der Kamera begleiteten die Vorbereitungen an den Schulen sowie in externen Workshops. In den letzten sechs Monaten entstanden eigene Textwerke: gereimter Nonsens, Rap Poesie, Kurzgeschichten, lyrische Liebesballaden, tief sinnig, scharf sinnig, leicht sinnig, humorvoll.

Die neue Generation der Dichter und Denker trat zunächst im Klassen- und Schulwettstreit an, und die Besten der Besten aus den Jahrgangsstufen 9 bis 12 hatten ihren großen Auftritt im Poetry Slam Finale 2008 am 09. Juli 2008 im ausverkauftem Großen Saal des LTT. 18 Teilnehmer mit 14 Beiträgen entzündeten ein brillantes Feuerwerk der Worte, Mimik und Dramaturgie. „Raus mit der Sprache!“ Im wahrsten Sinne des Satzes ließen die Finalisten hören, was in ihnen steckt. Und einer der Sieger des Slams ist –  die deutsche Sprache.  

Helge Thun und Jakob Nacken ließen es sich nicht nehmen, den Abschluss des Poetry Slam 2007 / 2008 zu moderieren und fieberten jedes Mal mit, wenn es hieß: Jury, Ihre Wertung bitte – jetzt. Ein fünfköpfiges Jurorenteam wurde aus den Reihen der Besucher erwählt. Keiner durfte mit den Teilnehmern verwandt oder von der gleichen Schule sein. Angesichts der großen Fangemeinde der einzelnen Finalisten kein leichtes Unterfangen, das letzt endlich meisterhaft gelöst wurde.  

Außer Konkurrenz eröffneten Kai Schmelzle und Harald Kienzler als „Opferlämmer“ den Reigen der Dichtungen. Und dann wurde es ernst, schließlich winkte als Preis die Teilnahme am International Poetry Slams Finale Kategorie u-20 im Herbst in Zürich.  

Matthias Bausch aus der 9. Klasse der Oskar-Schwenk-Schule, Waldenbuch, wagte sich als Erster mit dem Gedicht: Schule für Anfänger auf die Bühne und wurde mit 32 Punkten belohnt.  

Sahba Sahebi und Ann-Sophie Stückle vom Wildermuth-Gymnasium wussten mit dem nachdenklich stimmenden Stück: Opferlämmer der Zeit die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. 42 Punkte vergab die Jury diesmal.  

Milan Stürmer vom Wildermuth-Gymnasium machte seinem Namen alle Ehre, er erstürmte sozusagen die Bühne mit seinem Wortwerk: Aus dem kläglichen Leben des Klaus X. Er zitierte nicht nur, sondern er spielte das Stück. Der Zwischenapplaus und 44 Punkte am Ende waren verdient.  

Ilinca Barsan vom Uhland-Gymnasium, Tübingen hatte es bereits zum 2. Mal geschafft, ins Finale zu kommen. Für Ihren Vortrag „Einsam und Allein“ erhielt sie von der Jury 36 Punkte.  

Für alle Tierliebhaber und Überlebenskünstler und solche, die es eventuell noch werden wollen, verteilte Nils Jauß, Klasse 9a des Uhland-Gymnasiums wertvolle Tipps im Umgang mit Panthern in freier Wildbahn. Mit „Nochmals Schreck gehabt“  erzählte er sich in die Herzen der Besucher. Die Jury wertete mit 42 Punkten.  

Und dann ging der Punk – Verzeihung – der Rap ab. Von der Geschwister-Scholl-Schule, Tübingen, rappten Moritz Drath und Jan Platt über die Bretter, die die Welt bedeuten. Selbstironisch nahmen sie die Rapper auf die Schippe, ein Satz aus dem Vortrag: Nix gegen Dich aber Du bist nix gegen mich. Augenzwinkernd zog die Jury 39 Punkte. Rap a capella trifft nicht jedermanns Nerv.  

Der letzte Vortrag vor der Pause hätte mehr als 33 Punkte verdient. Siri Thiermann vom Quenstedt-Gymnasium in Mössingen unterstrich mit gekonnter Mimik und Gestik ihr Gedicht mit dem Titel: Unzusammenhängende Zusammenhänge gedacht eines bedenklichen Dachdeckerdenkers. Pflatsch – so endete der Vortrag und der erste Teil des Finales. Die Moderatoren Helge Thun und Jakob Nacken waren voll des Lobes über die Beiträge und stellten fest, die Slams hätten Wilhelm Busch und Heinz Erhardt zu gefallen gewusst.  

Im 2. Teil traten Laura und Lili vom Uhland-Gymnasium ohne Wertung auf. Die Klasse 7 dichtete und reimte zum Thema Liebe. Da beide Mädchen am Sonntag bei der Veranstaltung die Besten der Jüngsten nicht in Tübingen waren, durften sie ihr Gedicht im LTT vortragen und ernteten verdient viel Applaus.  

Bariya Sindhu vom Albert-Einstein-Gymnasium in Reutlingen überzeugte mit ihrem einfühlsamen Liebesgedicht „Du bist ein Augenblick“ . Mucksmäuschenstill saßen die Zuhörer und lauschten andächtig der Darbietung. Zum dritten Mal zog die Jury 42 Punkte und es verhieß ein spannendes Finale zu werden. 


Bariya Sundhu, die ich zufällig nach dem Slam im Zug auf der Heimfahrt traf.

Größer konnte der Kontrast nicht sein als zwischen dem Liebesgedicht und der „Live-Übertragung" eines Boxkampfes zwischen Heidi Klum und Dieter Bohlen. Maximilian Koppermann und Fabian Bolz von der Oskar-Schwenk-Schule, Waldenbuch verbreiteten im LTT für kurze Zeit Fastnachtsstimmung und heimsten dafür 38 Punkte ein.   

Christian Kurz und Steffen Aicheler vom Quenstedt-Gymnasium, Mössingen boten mit ihrem Wortspiel: Monotonie des Nichtstun einen weiteren Gegensatz und Höhepunkt im Programm. Für diese theaterreife Darbietung gab es 39 Punkte.  

Rafael Jakob vom Uhland-Gymnasium ist kein Neuling in der Szene, sondern der Gewinner des letzten Poetry Slams im Duo mit seiner Schwester und durfte in Berlin seine Schule und Stadt vertreten. Dieses Jahr wagte er den Schritt zur Solo-Karriere und bewies mit seinem Part: Mit der Sprache spielt man nicht! auf welch hohen Niveau die Meister des Wortes sich bewegen. Er malt mit Worten den Garten der Sprache, in dem es herrlich grünt und blüht und Textbeete gedeihen, in dem die Tiefgründigkeit zu Hause ist. Er schildert den Zweikampf der schönen Sprache mit der Moderne, der Oberflächlichkeit, der SMS, den Floskeln. Für diesen Vortrag erhielt er die Höchstnote von 49 Punkten.  

„Heute ist es passiert“ eine Kurzgeschichte aus dem wahren Leben schrieb Olga Frankfurt vom Wildermuth-Gymnasium. Einfühlsam schildert sie, wie sie den Tod ihrer besten Freundin in Russland verarbeitet hat. Mit 41 Punkten wurde dieser Beitrag honoriert.  

Alexander Blöck vom Albert-Einstein-Gymnasium in Reutlingen spannte in seiner gesellschaftskritischen Rede einen Bogen vom 2. Weltkrieg bis in die heutige Zeit der Aktiengesellschaften, der Profitsucht, der Globalisierung der Industrie, dem Verfall der ethischen Werte, wenn Geld im Spiel ist. Alles in allem erstaunlich, mit welcher Vehemenz Alexander seinen Text vortrug und durfte dafür 39 Punkte auf seinem Konto verbuchen.  

Zum Schluss wurde es noch einmal richtig spannend. Ruben Neugebauer, ebenfalls vom Albert-Einstein-Gymnasium, warf all sein Können in die Waagschale, um als Sieger nach Zürich fahren zu können. Mit seiner Werbe-Parodie „Sie haben den Mond verkauft!“ prangert er das durch Werbung und fernsehgesteuerte Verhalten vieler Menschen an. Tiefsinnig und ironisch-witzig zugleich, schauspielerisch glänzend vorgetragen machte Ruben es der Jury nicht leicht mit der Wertung und mit nur einem hauchdünnen Vorsprung von 1 Punkt wurde Rafael Jakob der Sieger des heutigen Abends. Wir dürfen gespannt sein auf sein Abschneiden in Zürich.  

Deutsche Sprache, schwere Sprache, schöne Sprache – der Poetry Slam 2007 / 2008 hat gezeigt, Pisa ist out – Denken und Dichten ist wieder in im Land der großen Dichter und Denker.  

Früh übt sich, was ein Meister werden will. Getreu diesem Motto präsentierten sich am Sonntag, 13.07.2008 ab 15.00 Uhr im Foyer des Sparkassen-Carré die Besten der Jüngsten aus den Klassen 5 bis 8. Nach der offiziellen Begrüßungsrede und Einführung durch Frau Naujoks von der Stiftung Kunst und Recht wurde die Bühne für Akteure freigegeben. Eine Schülerband des Uhland-Gymnasiums unterhielt die Gäste. Auch an diesem Tag führten Helge Thun, Jakob Nacken, Kai Schmelzle und Harald Kienzler durch das Programm.  

Wundersame Tiergeschichten wurden erreimt und gedichtet. Stellvertretend für alle aus der 5. Klasse sei hier das Gedicht von Julia Boll vom Quenstedt-Gymnasium erwähnt: Der Apfelzoo im Nirgendwo.  

Die 6-Klässler meisterten mit Bravour die Aufgabe, neue Märchen zu erfinden. Pauline Reusch und Katrin Martin von der Geschwister-Scholl-Schule schickten in ihrer Version Schneewittchen, Dornröschen, Rapunzel, Aschenputtel und Rotkäppchen auf Shopping-Tour. 

Schülerinnen und Schüler der 7. Klassen ließen sich Erstaunliches zum Thema Liebe einfallen. Max Pettke schrieb ein Liebesgedicht an sein Spiegelbild. Und endlich, endlich durften wir erfahren, ob es nicht doch noch ein Happy-End bei Romeo und Julia gibt. Seit dem vergangenen Sonntag ist es offenbart, Alexander Weiß und Leon Siekmann haben recherchiert und wurden fündig: in einer Zeitung ist zu lesen, es war Liebe auf dem zweiten Blick gewesen.  

Klassische Gedichte in neue Worte zu fassen, diese Aufgabe wurden der 8. Klasse gestellt. Schade nur, dass die meisten Wortkünstler dieser Jahrgangsstufe an diesem Tag fehlten. Frei nach dem Erlkönig schrieb Max Hölz vom Quenstedt-Gymnasium und vorgetragen von Jakob Nacken „Der Affenkönig“: Wer hechtet durch die Lüfte geschwind, es ist der Olli Kahn der keine Ruhe find“.

„Raus mit der Sprache“ wurde von der Stiftung Kunst und Recht ins Leben gerufen und zusammen mit der Kreissparkasse Tübingen, der Reinhold Beitlich Stiftung sowie der LBBW unterstützt und gefördert. Im Land der Dichter und Denker wächst ein neuer Garten der Sprache heran, in die Textbeete wurde neuer Samen ausgesät, bleibt nun zu hoffen und zu wünschen, dass die Saat aufgeht und prächtig gedeiht. Als Anerkennung für die Wortwerke überreichte Herr Scheerer von der KSK-Tübingen an alle Schülerinnen und Schüler Buchgutscheine.  

Alles über die Stiftung Kunst und Recht können Sie im Internet unter www.stiftung-kunstundrecht.de nachlesen. Ausführliche Informationen zum Projekt „Raus mit der Sprache“ sowie Film-Mitschnitte der Live-Aufführungen finden Sie unter www.raus-mit-der-sprache.com 

Ein großes Dankeschön geht auch an die Schulen, Lehrer, Eltern und Schüler. Nur durch enormen Zeitaufwand und persönlichen Einsatz konnte das Projekt „Raus mit der Sprache! realisiert werden. Der Einsatz hat sich gelohnt. 

Soeben wurde bekannt gegeben: Dieses Jahr gibt es zwei (!) Startplätze für den internationalen U-20 Poetry Slam in Zürich . Das heißt, dass sowohl Rafael Jakob als auch Ruben Neugebauer vom 19. bis 22. November daran teilnehmen können. Herzlichen Glückwunsch und viel Erfolg Euch beiden!