Das Französische Viertel im Wandel der Zeit
Das französische Viertel, eingegrenzt durch die Steinlach und Moltkestraße, Reutlinger Straße, B28, Stuttgarter Straße und sogar noch geteilt durch die B27, kann auf eine recht bewegte Geschichte in den letzten knapp sechs Jahrzehnten zurückblicken. Nach dem zweiten Weltkrieg beanspruchten die französischen Streitkräfte viele über die ganze Stadt verstreute Gebäude und Wohnungen und benutzten die Kasernen, soweit sie nicht beschädigt waren. Große Teile der Südstadt gehörten zum beschlagnahmten Territorium .Auf ca. 60 Hektar befand sich einer der größten Standorte des französischen Militärs in Deutschland. 2000 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere mit ihren Familienangehörigen waren bis in die 60er Jahre in Tübingen stationiert und aus dem Stadtbild nicht mehr weg zu denken. Ab 1955 entstanden in der Südstadt, jenseits der Steinlach, Wohnquartiere für die französischen Soldaten. Die beschlagnahmten Wohnungen und Villen wurden nach und nach zurückgegeben. Die Südstadt entwickelte sich zum „besetzten Gebiet“. Es entstanden eine Schule, der Supermarkt „Economat“ und eine Apotheke unter französischer Leitung. Tübingen jenseits des Neckars und dieses Viertel hatten wenige Berührungspunkte. Natürlich gehörten französische Militärfahrzeuge weiterhin zum Straßenbild und die Zivilfahrzeuge französischer Soldaten waren schnell am blauen Nummernschildern zu erkennen. Und nicht zu übersehen und zu überhören waren die Wehrpflichtigen, die in der Freizeit durch die Altstadt zogen. Jedoch richtigen Kontakt pflegten die Tübinger und die Franzosen nicht.
Erst über die Städtepartnerschaft mit Aix en
Provence entstand eine wirkliche Beziehung zu Frankreich, weniger über die
Garnison. Durch diese „Jumelage“ gelangte in den 60er und 70er Jahren
französische Lebensart an den Neckar. Mit der Zeit wurde die französische
Garnison immer mehr in ihr Viertel abgedrängt, bis sie im Jahre 1991 den
Standort auflöste und Tübingen verließ.
Die Stadt Tübingen erwarb die leer stehenden Kasernen und verkaufte sie
anschließend an private Bauherren und das Studentenwerk Tübingen (AöR). In den
letzten zehn Jahren entstanden im Französischen Viertel viele moderne Neubauten
und neue Bevölkerungsschichten zogen zu. Als besondere Kennzeichen des Viertels
ist das Bestreben, langfristig aus dem bisher einseitig militärisch genutzten
Gebiet ein enges Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Dienstleistung zu
entwickeln und nun ist es soweit: das Sanierungsprogramm des Gebiets
Französisches Viertels wird in diesem Jahr offiziell abgeschlossen sein.
Dieses
Projekt zur Konzeption dichter Besiedlung sowie die Mischung von Wohnen und
Arbeiten fand weltweit Beachtung. Die Städteplaner erhoffen sich eine ähnliche
Lebendigkeit wie in der Altstadt. Im französischen Viertel wohnen inzwischen
über 3000 Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. In den ehemaligen
Mannschaftsgebäuden sind Studenten untergebracht. Viele junge Familien haben
sich eine Wohnung gekauft bzw. gemietet. Selbstständige und Künstler leben und
arbeiten hier. Es gibt eine betreute Wohnanlage, auch für Menschen mit
Behinderungen.
Dass Tübingen mit der Umsetzung des Sanierungsprogramms richtig
gehandelt hat, zeigen viele Auszeichnungen und Preise, z. B.:
Landeswettbewerb
2004/2005 "Zukunftsfähige Stadterneuerung in Baden-Württemberg" Preis
für den "Städtebaulichen Entwicklungsbereich Stuttgarter
Straße/Französisches Viertel", Tübingen.
Auslober: Wirtschaftsministerium
Baden-Württemberg gemeinsam mit der Architektenkammer Baden-Württemberg.
Die
Südstadt wird nicht nur bewohnt, sondern hier wird in Eigenregie mit angepackt,
um das Viertel aktiv mit zu gestalten. Da ist zum einen das Forum Französisches
Viertel, es versteht sich als Interessenvertretung der Menschen im
Französischen Viertel. Es bietet Raum für Diskussionen, Meinungsbildung und
Interessenausgleich. Außerdem fungiert das Forum als Kontaktstelle zum
Stadtsanierungsamt. Treffpunkt einmal im Monat im Werkstatthaus, Aixer Straße 72,
Tel. 0 70 71 36 83 11.
Das Werkstadthaus beherbergt die Werkstatt für
Eigenarbeit e.V. eine für Tübingen
einzigartige, gemeinnützige Einrichtung. Eine großzügige, integrative Werkstatt
in der Aixer Straße 70/72; mit Profimaschinen, kompetenten FachberaterInnen,
Kinderwerkstatt, Computern und Raum für Kleinkunst oder Kabarett - für alle
Menschen aus der ganzen Stadt, für Jugendprojekte, Qualifizierungsmaßnahmen von
Erwerbslosen oder die Einzelförderung etwa von Menschen mit Behinderung. die
Werkstatt ist Treffpunkt und Kommunikationsort, Beratungs- und
Veranstaltungsraum, ob für die Menschen im Französischen Viertel oder aus ganz
Tübingen - eben eine für alle(s). Die Idee, die dahinter steht, heißt
Eigenarbeit: nach eigenen Ideen und Entwürfen im eigenen Rhythmus arbeiten,
allein oder gemeinschaftlich etwas herstellen, reparieren statt wegwerfen.
Zahlreiche Kurse werden hier angeboten, gerne können Sie sich vor Ort
informieren oder vorab im Internet unter: www.werkstadthaus.de.
Diese zwei Initiativgruppen wurden stellvertretend für die vielen anderen
Aktivitäten genannt.
Sommertheater 2008 in der Südstadt. Tübingen, das Sommertheater und das Melchinger Theater Lindenhof bieten:
Homo urbanus oder Raus aus em Paradies und wieder nei.
Premiere: 16. Juli 2008, Spielzeit bis 17.08.2008
Karten und Informationen gibt es beim Verkehrsverein Tübingen.