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Zu Besuch beim Bürger- und Verkehrsverein Tübingen


Neckarfront


Wer Tübingen entdecken will, sollte sich die Stadtführung vom Bürger- und Verkehrsverein Tübingen nicht entgehen lassen. Fröhliches Lachen, Schmunzeln, Staunen, Raunen, Schuhgeklapper, Mundgeplapper – all dies zaubert Frau Gabriele Schwelling,  eine der Gästeführerinnen, herbei. Während des 1 ½ -stündigen Streifzugs durch Tübingens  Gassen weiß Sie lustige Anekdoten und wahre Begebenheit zu erzählen. So erfährt der Besucher von der Tübinger Ehrenrettung durch die astronomische Uhr von Johannes Stöffler aus dem  Jahre 1511 bei der letzten Sonnenfinsternis. Während die Sonne sich vor den Ehrengästen aus aller Welt versteckte, standen die drei Zeiger der Uhr wie 1511 mathematisch berechnet übereinander.  Welche Glanzleistung! In der Haaggasse erwacht das mittelalterliche Tübingen in den Erzählungen über die Professoren in der Oberstadt und Handwerker und Weingärtner in der Unterstadt,  die Standesdünkel und über wohlhabende Bürger, deren Reichtum an  den Steinsockel der Häuser zu erkennen war, je höher um so „steinreicher“.


Neckarufer

Flotten Schrittes geht es hinunter in die Unterstadt, die nach einem verheerenden Brand wieder neu aufgebaut wurde. Eintauchen und sich wohlfühlen, so beschreibt Frau Schwelling die Atmosphäre in Tübingen von heute. In der Ammergasse erfahren wir, dass Goethe von Tübingen nicht besonders angetan war, es stank ihm zu sehr an der Ammer, die damals als Abwasserkanal diente und das nicht nur für den Hausmüll sondern auch für Schlacht- und sonstige Abfälle. Wer mag es Goethe verübeln? Weiter führt uns der Rundgang durch die Judengasse und in das Gründungsjahr  der Universität anno 1477, die noch heute das Leben der Stadt bestimmt. Das nächste erwähnenswerte Gebäude ist das Wilhelmsstift. In der Ehemaligen Ritterakademie (Collegium illustre erbaut von 1588 bis 1592) wurde der protestantische Adel von ganz Europa unterrichtet. Seit 1817 dient es als Ausbildungsstätte für katholische Theologen An der Ecke von der Langen Gasse zur Collegiumsgasse befindet sich am Gebäude über dem Portal das Wappen des Herzogtums Württemberg von 1593.
Nun geht es  wieder hinauf in die Oberstadt zur Stiftskirche. Sie besitzt einen der schönsten gotischen Lettner Süddeutschlands, einen Altar des Dürer-Schülers Hans Schäufelein, einen reich verzierten Taufstein, eine meisterhafte Steinkanzel und ansehnliches Chorgestühl. Besonders schön anzusehen die 1480 geschaffenen Glasfenster des Straßburger Meisters Peter Hemmel von Andlau. Im Chor der Stiftskirche liegen die Gräber des Württembergischen Herrscherhauses dicht an dicht.  Welch eine Wohltat im Sitzen den Erklärungen lauschen zu können. Gegenüber der Stiftskirche, Münzgasse 15, steht das "Cottahaus", ehemaliger Sitz des berühmten Verlags, der Schiller und Goethe verlegte. Im Haus neben an hängt die Tafel mit der eher respektlosen Aufschrift : „Hier kotzte Goethe“. Auf dem Rundgang darf ein weiteres Gebäude nicht fehlen, die Burse. Sie wurde unmittelbar nach der Universitätsgründung von 1478 bis 1482 als Studentenwohnhaus und -lehranstalt errichtet. 1803 bis 1805 wurde das Gebäude zum ersten Tübinger Klinikum umgebaut. Friedrich Hölderlin wurde hier behandelt und nach einer 231 Tagen am
3. Mai 1807 als unheilbar entlassen. Er lebte den Ärzten zum Trotz noch 33 Jahre bis zu seinem Tode 1843 bei der Familie des Schreinermeisters Zimmer im Hölderlinturm. Wir erfahren noch Einiges über die Gebärpflicht lediger Mütter in Tübingen, die Naturalentlohnung der Universitäts- angestellten  mit Wein, nicht zu vergessen: die Sehnsucht der Tübinger nach römischen Wurzeln. Augenzwinkernd beendet Frau Schelling die Führung mit den Worten, wir geben die Hoffnung nicht auf, irgendwann  doch noch römische Knochen auszugraben. Viel zu sehr nagt der Neid auf die Nachbarstadt Rottenburg mit der
32 Meter langen römischen Toilette an der tübingischen Seele. Gerne entrichten wir am Schluss unseren Obolus und schon enteilt sie mit Riesenschritten Richtung Neckarbrücke zur nächsten Gruppenführung. syw

Hölderlinturm