Wohnprojekt
Ludwigstraße 15
Infostand
Tagesgericht heute: Linsencremesuppe, gemischter Salat, mediterraner
Gemüseeintopf mit Pasta, Blumenkohlauflauf und Rosenkohl, als Nachspeise
Obstsalat, frische Ananas und Honigmelonenschiffchen – das Büffet ist
eröffnet, esst soviel ihr mögt und zahlt, was ihr könnt. Kein Werbegag eines
Restaurants, sondern sonntäglicher Alltag in der Volksküche des Wohnprojektes
Ludwigstraße 15, kurz Lu15 genannt. Lecker war´s und rund 20 Gäste sowie die
Mitbewohner nutzten die Gelegenheit zu einem warmen Essen in gemeinsamer Runde.
Vorher war Gelegenheit, im Umsonstladen zu stöbern und Dinge kostenlos
mitzunehmen sowie abzugeben.
im Umsonstladen
Die Gründe hierher zu kommen, sind so zahlreich wie
die Gäste. Für den Einen gehört Lu15 seit der Kindheit zum Leben dazu, es ist
ein Stück weit Kult und Kulturgeschichte für ihn. Für andere ist es die
Möglichkeit, sich einmal satt zu essen.
gemeinsames Essen
Ehemalige Mitbewohner kommen zum freundschaftlichen Besuch vorbei und für viele ist es für einige Stunden Heimatersatz, Anlaufstelle gegen Einsamkeit. Wer sind die Menschen hinter diesen Aktionen, die sich in der heutigen Zeit, wo doch Zeit knapp und Geld ist, genau konträr handeln? Zunächst einmal sind sie warmherzig, sozial, kommunikationsfreudig, familiär, offenherzig, tolerant und sehr engagiert, wenn es um das Projekt Lu15 geht. Der aufmerksame Leser ahnt schon, dass es sich hierbei nicht um ein ganz normales Mietshaus handelt sondern um eine alternative, eben andere Art des Zusammenlebens. Doch was ist schon „normal“? Lu15 gewiss nicht. Das Wohnprojekt Ludwigstraße 15 besteht seit fast 30 Jahren in Tübingen. Im Jahre 1979 wurde das Gebäude nach dem Motto “bezahlbarer Wohnraum für alle“ besetzt, nachdem es mehr als ein Jahr lang ungenutzt leer stand. Seitdem leben in der „LU 15“ Studierende, Auszubildende, Kinder, SchülerInnen, HandwerkerInnen, Arbeitslose und Angestellte in Selbstverwaltung in 6 Wohngemeinschaften zusammen. 1989 erwarb das Tübinger Studentenwerk A.d.ö.R das Haus und sicherte den BewohnerInnen die Selbstverwaltung für weitere 10 Jahre zu. Im Jahr 2004 kündigte das Studentenwerk alle Mietverträge, um das Gebäude zu sanieren und in ein Wohnheim nur für Studierende umzuwandeln. Damit würde in Tübingen ein Stück Geschichte für immer verschwinden. Und bezahlbarer Wohnraum eine Utopie werden. Dagegen haben die Lu15er nur ein Rezept, das Haus selber zu erwerben und somit das Projekt zu retten und für die Zukunft zu bewahren. Was ist das Besondere an Lu15, dass es sich dafür zu „kämpfen“ lohnt? Warum muss Lu15 bleiben? Lu15 bietet zunächst einmal bezahlbaren Wohnraum in Tübingen, zur Zeit für 27 Menschen im Alter von 2 bis plus 40 Jahren, rund die Hälfte davon sind Studenten. Es ist nicht unbedingt bequem, hier zu leben, denn die Selbstverwaltung erfordert von jedem Einzelnen einen Beitrag zur Gemeinschaft entsprechend seinen Fähigkeiten. In regelmäßigen Arbeitskreisen werden die Anliegen und Aufgaben des Projekts besprochen und verteilt. Wer also seine Ruhe nach dem Feierabend liebt, nicht kontaktfreudig ist und gerne seine Tür verschließt, sollte sich nicht unbedingt für ein freies Zimmer hier bewerben. Dafür bietet dieses generationsübergreifende Wohnprojekt jede Menge Menschlichkeit, Kurzweil, viel Miteinander, Hilfe in der Not, Unterstützung in Krisen. Ein Mitbewohner bringt es mit folgenden Worten auf einen Nenner: Lu15 ist wie eine große Familie mit privatem Rückzugsgebiet. Und wie in einer großen Familie ist in der Ludwigstraße 15 ein Kommen und auch ein Gehen nach ein paar Monaten oder nach einem längerem Zeitraum. Warum also machen sich die jetzigen Mieter so stark für den Erhalt dieser Wohnart und nehmen die ganzen Mühen der Verkaufsverhandlungen auf sich? Um das Leben etwas menschlicher zu gestalten in dieser unserer Ellenbogengesellschaft antwortet einer. Um die Werte der zwischenmenschlichen Beziehungen zu bewahren und sichtbar werden zu lassen. Von einander lernen, sich Neuem öffnen, Mut machen für andere in ähnlichen Situationen, aufzeigen, dass gemeinsames Handeln stark macht, dafür lohnt es sich in dieses „Projekt Lu15 bleibt“ zu investieren. Mit Informationsständen in der Tübinger Innenstadt werben sie für das Projekt und sammeln Spenden für den Erwerb des Hauses, dass ihnen persönlich nur auf Zeit gehören wird und die Sanierungsarbeiten, die geleistet werden müssen. Am Tag des offenen Wohnprojektes bot sich die Gelegenheit, Tübingens Kulturgut Ludwigstraße 15 unter die Lupe zu nehmen, an der Kletterwand unterm Dach erste Versuche starten, sich in den Wohnungen umzusehen, die Menschen hinter dem Projekt kennen und verstehen zu lernen. Wer all dies bisher versäumt hat, ist jederzeit zu den Öffnungszeiten des Umsonstladen donnerstags von 18-21 Uhr und sonntags von 15 bis 18 Uhr herzlich willkommen. Vielleicht möchten Sie sich von Dingen trennen, die noch gebrauchsfähig sind? Bringen Sie diese bei Ihrem Besuch gleich mit. Der nächste Hilfsbedürftige dankt es Ihnen unbekannterweise. All diese Aktionen können zwar nicht die Kreditsumme einbringen, aber sie erregen Aufmerksamkeit und wecken die Neugier der Straßenpassanten. Wie also soll das Finanzierungsmodell aussehen, wer garantiert die Sicherheit der Einlagen von Kreditgebern? Der Hausverein hat gemeinsam mit dem Freiburger Mietshäuser Syndikat GmbH die LUtopia GmbH gegründet. Das Mietshäuser Syndikat hat ein alternatives Finanzierungsmodell für Hausprojekte entwickelt und ist bereits an über 30 erfolgreichen Projekten in der ganzen Bundesrepublik beteiligt und kann als Mitgesellschafter einen Weiterverkauf des Hauses durch das Vetorecht verhindern. So wird sicher gestellt werden, dass das Objekt LU 15 immer im Besitz ihrer immer wieder wechselnden Bewohnerschaft verbleibt. Alle BewohnerInnen sind Mitglieder im Hausverein, der wiederum Mitgesellschafter der LUtopia GmbH ist. Damit ist die Selbstbestimmung über das Haus auch weiterhin gewährleistet. All dies zusammen bildet zunächst einmal das Fundament für das nicht alltägliche Kaufvorhaben. Nicht alltäglich ist auch die Form der Finanzierung. Statt der normalen Kreditaufnahme mit hohen Zinsen bei einer Bank finanziert die LUtopia GmbH den Erwerb über Direktkredite. Nach dem Motto „Kleinvieh macht auch Mist“ können Direktkreditverträge bereits ab 500,00 Euro abgeschlossen und Einzelheiten wie Laufzeit, Kündigungsfrist und Zinsen – frei wählbar bis zu 3 % p.a.- individuell geregelt werden. Bis zum Abschluss der Kaufverhandlungen verwaltet das Wohnprojekt Schellingstraße 6 treuhändlerisch die Gelder. Die Kredite werden in einem Zeitraum von ca. 25 Jahren durch Mieteinnahmen getilgt sein. Rund 47.500,-- Euro Jahreseinnahmen der LUtopia GmbH bilden eine solide Basis für die konstante Rückzahlung. Schon weit über 100.000,-- € sind inzwischen eingezahlt worden, aber es ist nicht annähernd genug für die Eigenkapitaldecke, um das Objekt zu erwerben. Ganz stolz berichten die Lu15er, dass sogar aus Amerika ein Kreditbetrag überwiesen wurde. Begründung: weil es sich um ein Projekt handelt, das es wert ist, unterstützt zu werden. Wenn auch Sie, lieber Leser, liebe Leserin neugierig geworden sind auf Ihren kleinen Teil Tübinger Kult- und Kulturgeschichte, schauen Sie doch einfach mal rein in die Ludwigstraße 15, vielleicht beim sonntäglichen Essen oder bei einer der vielen offenen Veranstaltungen, die immer rechtzeitig im Internet unter www.lu15.de angekündigt werden. Für Informationen über das „Projekt Lu15 bleibt“, Direktkredite und Vertragsmodalitäten und mehr senden Sie eine Mail an info@lu15.de. Spenden werden jederzeit herzlich gerne angenommen und können auf das Konto LU 15 e. V. Tübingen bei der Volksbank Tübingen EG, Konto-Nr. 6511007, BLZ 641 901 10 eingezahlt werden. syw